Zu Gast in einem Tierkörper

Ein anderer Reisebericht. Oder: das Protokoll eines erwartbaren Scheiterns. Über den Besuch einer Esoterikmesse und den Versuch, per Meditation den eigenen Körper zu verlassen.

Pity c.1795 by William Blake 1757-1827

Yvonne ist schon immer ger­ne gereist. In ande­re Städ­te, ande­re Län­der, ande­re Kör­per. So auch an jenem trü­ben und feucht­war­mem Juli­mor­gen. Es ist einer die­ser Mor­gen, an denen die Spu­ren des nächt­li­chen Regens sich zu Nebel­fet­zen ver­dich­ten und die Sträu­cher und Büsche in ein gespens­tisch weis­ses Gewand hül­len. Schon wie­der. Und weil Yvonnes son­ni­ges Gemüt sich damit nur schlecht ver­trägt, setzt sie sich an ihren Com­pu­ter, bucht Flü­ge, wählt ein Hotel, über­weist Geld, packt Kof­fer, beugt sich über ihren drei­jäh­ri­gen Tiger­ka­ter und erklärt ihm, sie sei bald weg, sie fah­re in den Urlaub. Da fragt der zurück: «Was ist Urlaub?»
Ich lache nicht. Nie­mand lacht. Auch Yvonne nicht. Sie lächelt mit einer ange­spann­ten Ernst­haf­tig­keit; mas­ken­haft erstarr­te Gesichts­zü­ge. Der Joch­bein­mus­kel zieht die Mund­win­kel uner­bitt­lich in Rich­tung Schlä­fen, ent­blöss­tes Zahn­fleisch in erlo­sche­nem Alt­ro­sa. Yvonnes Stim­me wirkt zer­brech­lich, nahe am Ver­stum­men, ein Zit­tern in jedem ihrer kraft­los gehauch­ten Wor­te. Yvonne spricht lei­se. Yvonne spricht mit Tie­ren. Intui­tiv, tele­pa­thisch und auf kei­nen Fall eso­te­risch.
Wenn sie gefragt wird, wo die See­le eines vor acht Jah­ren ver­stor­be­nen York­shire-Ter­ri­ers hin ist, dann kann sie da was machen, und mal schau­en, ob sie sie krie­gen kann, die­se See­le. Wenn Yvonne füh­len will, was das Tier fühlt, bricht sie auf, ver­lässt ihre mensch­lich-fleisch­li­che Hül­le und wech­selt das Domi­zil.
Und jetzt ist sie hier, zu die­sem Zeit­punkt an die­sem Tag an die­sem Ort in die­sem Raum, nur um den Raum sogleich wie­der zu ver­las­sen. Um zu rei­sen. Weit weg in einen ande­ren Kör­per.
Das Ham­bur­ger Kon­gress­zen­trum, Lebens­freu­de­mes­se, ich und sech­zehn ande­re; geführ­te Medi­ta­ti­on, Erlö­sung und See­len­heil im Stun­den­takt, fes­ter Tarif, Escha­to­lo­gie in Raten.
Der fens­ter­lo­se Raum bemisst sich auf gut 20 Qua­drat­me­ter. Tep­pich­flie­sen in ver­gilb­tem Tau­ben­blau, dunk­le Wän­de aus Holz im mat­ten Schein eines leucht­stoff­röh­ren­ver­han­ge­nen Him­mels. Nichts in die­sem Raum wirkt befrei­end.
Eine hal­be Stun­de spä­ter wer­den Men­schen erzäh­len, wie frei sie waren. Sie wer­den sagen, wie es war, wo sie gewe­sen sind, wel­chen Kör­per sie besetzt hat­ten. Ute war in ihrem mitt­ler­wei­le ent­seel­ten Wel­len­sit­tich. Der hat­te sich dar­über beschwert, dass er zeit­le­bens ein­ge­sperrt war. «Vögel wol­len eben flie­gen», sagt Yvonne. Ent­geis­tert ist auch Bea­te. Eigent­lich woll­te sie in den Kör­per ihres Hun­des. Doch statt­des­sen ist sie in einem Pferd gelan­det, zu dem sie über­haupt kei­ne Bezie­hung hat. «Na das zeigt doch, dass du wirk­lich drin warst», beru­higt sie Yvonne, «das Tier hat dich aus­ge­wählt.»

Wel­ches Tier hat mich gewählt? Oder war ich es, der gewählt hat? Wo war mein Ich? Es ist gereist. Es ist Yvonnes Wor­ten gefolgt.

Ich höre ihre Stim­me, schlies­se mei­ne Augen, und die Welt ver­schwin­det. Fins­ter­nis, Schwei­gen, dann ein Rau­nen. Viel­leicht ist es die Mono­to­nie des Klangs, viel­leicht ist es die erzwun­ge­ne Lang­sam­keit ihrer Rede, viel­leicht sind es die bewuss­ten Momen­te, in denen sie nicht spricht. Eine vor Ner­vo­si­tät pul­sie­ren­de Stil­le. Doch es hilft. Hof­fe ich. Es funk­tio­niert. Den­ke ich. Ich atme ein, ich atme aus. Ich spü­re mei­ne Füs­se; den Boden, auf dem sie las­ten, den Kör­per, der sie nie­der­drückt. Mein Ich fällt in die Zehen­spit­zen, durch­dringt mei­ne Hül­le und ver­si­ckert. Aus der Fer­ne drin­gen Klang­fet­zen von Yvonnes Stim­me in die schwin­den­den Res­te mei­nes Bewusst­seins. Jede ein­zel­ne Sil­be ein akus­ti­sches Flim­mern.

«Fühl dich zen­triert und prä­sent.
Tritt aus dir her­aus. Betrach­te dich selbst als einen Ande­ren.»

Betrach­te dich.
Als einen Ande­ren.

Und dann siehst du dich, wie du auf­recht in die­sem Stuhl sitzt, die Hän­de auf die Knie gelegt, die Augen ange­strengt zusam­men­ge­knif­fen. Jetzt fragst du dich, ob es rich­tig war, sich auf genau die­sen Platz zu set­zen, in der hin­ters­ten Rei­he, direkt an der Wand. Sie ist durch­läs­sig, die­se Wand. Du hörst den benach­bar­ten Saal, Ste­phan Sid­dhar­ta Schu­manns mons­trö­ser Bari­ton giesst hei­li­ge Man­tras aus uralten Palm­blatt­bü­chern blei­schwer in den Raum. Du ver­suchst die­sen unar­ti­ku­lier­ten Schwall zu igno­rie­ren und folgst fremd­ar­ti­gen Wei­sun­gen aus der Fer­ne. «Den­ke an dei­nen Lieb­lings­ort in der Natur. Suche ihn auf. Schau dich um. Fol­ge einem Pfad, errei­che eine Lich­tung. Begeg­ne dem Tier. Besu­che sei­nen Kör­per.» Du fragst dich, ob du das wirk­lich tun willst, und dann tust du es, weil du dir sagst, du willst das ernst neh­men, auch wenn es dir schwer fällt.
Und auf ein­mal hörst du das don­nern­de Rau­schen eines Berg­bachs, siehst schnee­be­deck­te Gip­fel und von dunk­ler Erde geschwärz­te Firn­fel­der. Du bist wie­der in den Alpen, unweit die­ser Hüt­te, die du und dei­ne Freun­de im Som­mer vor sie­ben Jah­ren bewohnt habt. Wie­der sitzt du auf die­sem Fels­bro­cken, auf den du dich immer zum Lesen zurück­ge­zo­gen hast. Du erin­nerst dich, wie du dich kano­nisch durch die Lite­ra­tur der Roman­tik gewühlt hast und den Welt­ver­schmel­zungs­fan­ta­sien ihrer Autoren auf die Spur kom­men woll­test. Wie du stun­den­lang mit Nova­lis, Höl­der­lin und Nietz­sche auf die­sem Stein aus­harr­test und sich die­ses Gefühl inners­ter Natur­ver­bun­den­heit doch nicht ein­stel­len woll­te. Du blickst hoch und siehst jenen stei­ner­nen Pfad, die­sen Pfad, der dich bei­na­he magne­tisch in die Ödnis kar­ger Geröll­fel­der zieht. Es ist die­ser Pfad, den du damals hoch­ge­rannt bist, zu die­ser Zeit, als kein Pfad hoch genug enden konn­te. Und jetzt, als du die­sen Pfad erneut beschrei­test, war­tet am Ende kein befrei­en­der Gip­fel, son­dern ein Tier.
Ein Paar­hu­fer, dich­te Wol­le, lee­rer Blick, domes­ti­zier­tes Muff­lon und nichts aus­ser­dem. Ein Schaf also, denkst du dir und merkst, wie du schei­terst. Du glaubst nichts von alle­dem, du hältst See­len­wan­de­rung für Geschwätz, selbst das Wort «See­le» hat dich immer gestört und auch die Leu­te, die die­ser Ver­he­xung der Spra­che auf­ge­ses­sen sind, wol­len nicht begrei­fen, dass es kei­ne See­le gibt, ledig­lich Bewusst­sein, das Pro­dukt feu­ern­der Neu­ro­nen im Gehirn. Und die­ses Spek­ta­kel hier hältst du für rei­nes Thea­ter, einen simp­len Akt der Vor­stel­lung, ein gigan­ti­sches So-Tun-als-ob, und die Leu­te, die dar­an glau­ben, und die du eigent­lich nicht ver­ur­tei­len woll­test, erschei­nen dir wie Nar­ren, Her­den­tie­re, die einer irr­wit­zi­gen Idee fol­gen. Du kannst eben nicht aus dei­ner Haut. Wirk­lich nicht.

Du kommst wie­der zu dir.
Ich öff­ne mei­ne Augen.

Ich war immer Ich.
Ich war nir­gend­wo.
Ich war immer hier.

 

 

Info: Die­ser Text ent­stand im Rah­men eines Stu­di­en­auf­ent­halts an der Hen­ri-Nan­nen-Jour­na­lis­ten­schu­le in Ham­burg.

Bie­ler Tag­blatt, 08.07.2014

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