Krieg der Bilder

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Es gibt Bil­der, die alles Doku­men­ta­ri­sche ver­lo­ren haben. Die ursprüng­li­che Inten­ti­on des Pro­to­kol­lie­rens, des Fest­hal­tens und Abbil­dens hat sich zuguns­ten eines rei­nen Sym­bol­cha­rak­ters ver­ab­schie­det.

Zu die­ser Kate­go­rie gehört zwei­fel­los Nick Uts schrei­en­des, vor einem Napalm­an­griff flie­hen­des Mäd­chen. Die kon­kre­ten Ereig­nis­se, die durch die­se Foto­gra­fie illus­triert wer­den, sind nicht mehr wich­tig, denn das Bild hält kei­nen Vor­fall mehr fest, es sym­bo­li­siert nur noch. Als Sym­bol der Unmensch­lich­keit des Viet­nam­krie­ges hat es sich in die Iko­no­gra­fie des Lei­dens ein­ge­schrie­ben.

Nicht so das vor­lie­gen­de Bild. Obwohl aus der­sel­ben Serie stam­mend und ver­mut­lich eini­ge Sekun­den spä­ter geschos­sen, evo­ziert es nicht das­sel­be Aus­mass des Schre­ckens. Die Gesich­ter schei­nen weni­ger mas­ken­haft ver­zerrt, eige­nen sich weni­ger gut als Ver­sinn­bild­li­chung des Grau­ens. Die Kin­der schei­nen nicht vor Sol­da­ten, son­dern vor Foto­gra­fen zu flie­hen.

Die Logik der Sen­sa­ti­on arbei­tet uner­bitt­lich: Um den Affek­ti­ons­ka­te­go­rien der Kriegs­fo­to­gra­fie ent­spre­chen zu kön­nen, scheint das gefor­der­te Mass an Dras­tik unend­lich. Dabei zei­gen die preis­ge­krön­te Iko­ne und das vor­lie­gen­de Bild nicht etwa ver­schie­de­ne Ereig­nis­se. Der Vor­fall ist der­sel­be. Nur bedient das weni­ger bekann­te Bild auch weni­ger voy­eu­ris­ti­sche Gelüs­te. Weil es weni­ger sym­bo­li­sche Anknüp­fungs­punk­te bie­tet, weni­ger dras­tisch erscheint, blieb ihm auch die Kar­rie­re als Iko­ne ver­sagt.

(Text­übung, SAL Zürich)

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