Literaturkritik: Ein hypnotischer Totentanz

Düs­ter, beklem­mend, ver­stö­rend — Heinz Hel­les zwei­ter Roman «Eigent­lich müss­ten wir tan­zen» erzählt vom Ende der Gesell­schaft, des Men­schen und der Spra­che.

Irgend­wann im Win­ter. Eine Grup­pe jun­ger Män­ner ver­bringt ein Wochen­en­de in einer abge­le­ge­nen Berg­hüt­te. Als sie ins Tal zurück­keh­ren, exis­tiert die Welt, die sie kann­ten nicht mehr. Die Dör­fer und Städ­te bren­nen oder lie­gen bereits in Trüm­mern, die Orte sind ver­wüs­tet, geplün­dert, ver­las­sen, und über­all lie­gen Lei­chen. Nun­mehr geht es ein­zig um das Über­le­ben.

Das Ende der Zivi­li­sa­ti­on. Es ist gewiss kein neu­es Sze­na­rio, das Heinz Hel­le in sei­nem zwei­ten Roman «Eigent­lich müss­ten wir tan­zen» auf­greift. Gera­de jetzt, wo sich Dia­gno­sen des Zeit­geis­tes nur all­zu oft im Topos der Kri­se und des bevor­ste­hen­den Unter­gangs erschöp­fen, könn­te man dem Autor leicht vor­wer­fen, einem simp­len Trend zu fol­gen. Doch Hel­le, der Phi­lo­soph, hat ande­res im Sinn.

Was wäre wohl der Fall, wenn die Din­ge anders lägen als sie es tat­säch­lich tun? Wel­chen Bestand haben mora­li­sche Wer­te, wenn das sozia­le Regel­kor­sett, das sie zusam­men­hält, urplötz­lich ver­schwin­det? Was bedeu­tet es, ein Mensch zu sein, wenn nur noch die Selbst­er­hal­tung wich­tig ist? Es sind Fra­gen die­ser Art, die Hel­le in Form eines phi­lo­so­phi­schen Gedan­ken­ex­pe­ri­ments durch­spielt — und dies nicht in Gestalt eines exis­ten­zi­el­len Dra­mas, son­dern als gefühls­kalt arran­gier­te wis­sen­schaft­li­che Ver­suchs­an­ord­nung, erbar­mungs­los bis zum Schluss.

War Hel­les Debüt «Der beru­hi­gen­de Klang von explo­die­ren­dem Kero­sin» ein asso­zia­ti­ver Rei­se­be­richt in das Bewusst­sein eines ruhe­lo­sen Den­kers, so prä­sen­tiert sich das Nach­fol­ge­werk deut­lich greif­ba­rer — aber nicht min­der radi­kal.

Irri­tie­ren­de Bil­der

In der kal­ten, bren­nen­den Welt, in wel­che Hel­le den Leser hin­ein­wirft, ist der Mensch bereits ver­schwun­den. Sowohl phy­sisch, als auch see­lisch, die ent­völ­ker­ten Rui­nen und das Grau­en, das sich dar­in abspielt, sind im wahrs­ten Sin­ne un-mensch­lich. Die Prot­ago­nis­ten — Dry­gal­ski, Gru­ber, Fürst, Gol­de und der namen­lo­se Erzäh­ler — wir­ken zu kei­nem Zeit­punkt wie Per­so­nen mit indi­vi­du­el­len Unter­schei­dungs­merk­ma­len, es sind nur­mehr Kör­per mit Namen, Kör­per, die fort­be­stehen wol­len. Und dazu ist jedes Mit­tel recht. Mord, Raub und Ver­ge­wal­ti­gung gesche­hen mit der­sel­ben Selbst­ver­ständ­lich­keit wie das Atmen und Schla­fen. «Wir sind nur noch zu gross gera­te­ne Bak­te­ri­en», stellt der Erzäh­ler nüch­tern fest.

Mit der­sel­ben Nüch­tern­heit brei­tet Hel­le ein wah­res Pan­op­ti­kum des Grau­ens aus, in einer Spra­che, die in ver­stö­rend bru­ta­ler Schlicht­heit zu einer Poe­sie des Schreck­li­chen wird. Sät­ze und Bil­der wie ein Schlag in die Magen­gru­be, Bil­der, die sich ein­bren­nen, die ein­si­ckern in das Bewusst­sein, sich dort fest­set­zen und wei­ter wir­ken. Da ist die­ser ver­las­se­ne Stall, in dem die Kühe immer noch an der Melk­ma­schi­ne hän­gen und die Maschi­ne saugt und saugt, wie es Melk­ma­schi­nen eben tun, «obwohl aus den Kühen schon lan­ge nichts mehr kommt, sie sind leer unter dem Fell bis auf die Kno­chen.» Oder die­ses Kind, das die Schä­del sei­ner Eltern zer­trüm­mert hat oder Hun­der­te ver­kohl­te Kör­per in einer aus­ge­brann­ten Dis­ko­thek.

Gefühls­käl­te als Prin­zip

Wie das Unfass­ba­re in Wor­te fas­sen? Hel­le bedient sich dazu einer Spra­che, die kei­ne Gefüh­le mehr aus­drü­cken, ver­mit­teln, trans­por­tie­ren kann, da sie ihren Ursprung in einer Welt hat, in der jeg­li­ches Gefühl längst abge­stor­ben ist. Das erin­nert unwei­ger­lich an Kaf­ka, an Hou­el­le­becq. Gefühls­käl­te ist hier Sprach­käl­te, ist die Käl­te des nicht enden wol­len­den Win­ters, die Käl­te der Welt.

«Eigent­lich müss­ten wir tan­zen» folgt kei­nem kohä­ren­ten Erzähl­strang. Viel­mehr besteht der Roman aus 69 lose zusam­men­hän­gen­den Bil­dern. Doch da ist die­se rhyth­misch-trei­ben­de Kraft im Text, die den Plot als auch den Lese­fluss uner­müd­lich antreibt. Auch wenn die Prot­ago­nis­ten kaum mehr emp­fin­den, so sind sie noch Kör­per, die in Bewe­gung blei­ben wol­len, die sich nur noch erhal­ten wol­len. Gera­de weil Hel­le dies betont distan­ziert schil­dert, gewinnt es eine Inten­si­tät, die in ihrer Wir­kung fast hyp­no­tisch wird, ein nicht enden wol­len­der, fieb­ri­ger Traum. Stei­gen, Waten, Schlur­fen, Stap­fen, Krie­chen, der Schnee unter den Füs­sen, der Asphalt, der Morast, der Wald­bo­den unter den Soh­len — es ist eine Phä­no­me­no­lo­gie der Fort­be­we­gung, die der Autor ent­fal­tet.

Fas­zi­nie­ren­der Sog

Wer nun aber glaubt, dass die­se Bewe­gung auf ein fina­les Ziel hin­aus­läuft, auf eine phi­lo­so­phi­sche Poin­te, die der Apo­ka­lyp­se wenigs­ten einen Sinn abge­winnt, der wird ent­täuscht. In die­ser Wüs­te des Rea­len gibt es weder Erklä­run­gen noch tie­fe­re Ein­sich­ten. Nicht wei­ter schlimm.

Dazu ist die Sog­wir­kung von Hel­les Pro­sa ein­fach zu stark — und zu fas­zi­nie­rend. Eine schwin­den­de Spra­che, die ihre zuneh­men­de Wort­lo­sig­keit zu fas­sen ver­sucht. Sie pro­to­kol­liert ihr eige­nes Ver­schwin­den, ein letz­tes Auf­bäu­men des Sinns, der ange­sichts tota­ler Sinn­lo­sig­keit zur blos­sen Chif­fre ver­blasst ist. «…wenn nach uns jemand die Welt wie­der auf­baut, wird es eine schweig­sa­me Welt sein.»

Info: Heinz Hel­le, «Eigent­lich müss­ten wir tan­zen», Suhr­kamp Ver­lag 2015, 173 Sei­ten, ISBN: 978–3‑518–42493‑3, 28.90 Fran­ken.
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Zur Per­son
Heinz Hel­le, gebo­ren 1978 in Mün­chen, Stu­di­um der Phi­lo­so­phie in Mün­chen und New York, Arbeit als Tex­ter in Wer­be­agen­tu­ren, Dis­ser­ta­ti­on im Bereich Phi­lo­so­phie des Geis­tes.
• Absol­vent des Schwei­ze­ri­schen Lite­ra­tur­in­sti­tuts in Biel, wohn­haft eben­dort, ver­hei­ra­tet, eine Toch­ter. Sein Roman­de­büt «Der beru­hi­gen­de Klang von explo­die­ren­dem Kero­sin» erschien 2014.
• Aus­zeich­nun­gen und Prei­se: Deut­scher Buch­preis (Lon­g­list) 2015, Werk­bei­trag der Schwei­zer Kul­tur­stif­tung 2015, Schwei­zer Buch­preis (Short­list) 2014, Lite­ra­tur­preis des Kan­tons Bern 2014, Ernst-Will­ner-Preis 2013 (im Rah­men des Inge­borg-Bach­mann-Wett­be­werbs), Wal­ter-Kem­pow­ski-Lite­ra­tur­preis 2011.

(Bie­ler Tag­blatt 15.10.2015)

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