30 Minuten …an einem Nicht-Ort

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Jede Gesell­schaft zehrt von ihren Mythen. Unab­läs­sig spei­sen sie den zivi­li­sa­to­ri­schen Impe­tus und zir­ku­lie­ren im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis. Ein­ge­schrie­ben in Bil­der, Tex­te, Wort­fel­der und Vor­stel­lun­gen prä­gen sie die Stra­te­gien des Han­delns.

 

In Zürich, der Stadt Zwing­lis, ist es der Geist der Refor­ma­ti­on und des Auf­bruchs. Kei­ne ande­re Schwei­zer Stadt hat sich die pro­tes­tan­ti­sche Ethik vor­bild­li­cher ein­ver­leibt. Ent­schei­dend ist das Prin­zip der Gna­den­wahl: Wer die Pfor­ten zum Himm­li­schen Para­dies durch­schrei­ten darf, steht bereits vor der irdi­schen Exis­tenz fest. Ein from­mes Leben und welt­li­cher Erfolg kön­nen dar­an zwar nichts ändern, die Wahl ist längst getrof­fen. Den­noch gel­ten sie als Insi­gni­en der Aus­er­wähl­ten: Die Akku­mu­la­ti­on von Reich­tum und die stän­di­ge Re-Inves­ti­ti­on als die äus­ser­li­chen Zei­chen eines gott­ge­fäl­li­gen Daseins. Erst die­se inner­welt­li­che Aske­se erlaubt es dem Reich­tum zum Selbst­zweck zu wer­den.

 

Die Stadt Zürich ist aus öko­no­mi­scher Sicht wohl nur des­halb so erfolg­reich gewor­den, weil sie die­ser Uto­pie nie untreu wur­de. Im Zeit­al­ter der Kri­se, wenn der Ver­lust zur all­ge­gen­wär­ti­gen Bedro­hung wird, lässt sich das Sym­bo­li­sche am wirk­sams­ten bewah­ren, indem man es mate­ria­li­siert, das Uto­pi­sche ver­wirk­licht, dem Nicht-Ort (aus alt­grie­chisch οὐ- ou- „nicht-“ und τόπος tópos „Ort“;) einen Ort gibt.

 

Mit dem Pro­jekt Euro­pa­al­lee hat die Stadt dem eige­nen Phan­tas­ma mone­tä­ren Selbst­zwecks eine phy­si­sche Gestalt ver­lie­hen. Das Auge erblickt Chi­mä­ren aus Stahl, Glas und Beton, die in ihrer rei­nen aske­ti­schen Geo­me­trie auf fast exzes­si­ve Wei­se funk­tio­nal sind. Die Fas­sa­den erschei­nen so unend­lich wie trans­pa­rent. Mau­ern sol­len Schutz bie­ten, auch vor uner­wünsch­ten Bli­cken. Fens­ter erlau­ben dem exter­nen Betrach­ter zumin­dest einen Teil­aus­schnitt einer ver­bor­ge­nen Sphä­re zu betre­ten. Sie näh­ren das visu­el­le Begeh­ren. Wo Fens­ter nor­ma­ler­wei­se einen Ein­blick in Unzu­gäng­li­che gewäh­ren, domi­niert hier die Tota­li­tät des Öffent­li­chen. Die Bau­ten wir­ken fast voll­stän­dig glä­sern, sie sind rei­ne Ober­flä­chen des Zei­gens. Ver­kör­per­te Macht, Zei­chen­trä­ger kapi­ta­lis­ti­scher Potenz, pure Reprä­sen­ta­ti­ons­funk­ti­on: An ihnen zeigt sich das geball­te Aus­mass öko­no­mi­scher Gewalt. Es stellt sich dar. Fens­ter wer­den zu Schau­fens­tern.

 

Die­se Archi­tek­tur ver­neint den Men­schen, schliesst ihn aus und kann nur von funk­tio­na­len Objek­ten bewohnt wer­den: Die uni­for­mier­ten Ban­ker und Büro­an­ge­stell­ten, die mit ihren Schreib­ti­schen, Foy­ers und gespens­tisch lee­ren Atrien zu ver­schmel­zen schei­nen. Die Ver­käu­fe­rin­nen und Ver­käu­fer die in der baro­cken Fül­le des eige­nen Waren­sor­ti­ments unter­zu­ge­hen dro­hen. „Come in, we‘re open!“ ist auf zahl­rei­chen Schil­dern zu lesen. Als müss­te man sich sel­ber von der Illu­si­on über­zeu­gen, sich auf beleb­tem Ter­ri­to­ri­um zu bewe­gen. Die Restau­rants und Cafés in den ste­ri­len Innen­hö­fen sind nicht weni­ger ent­völ­kert. Sie gehor­chen der­sel­ben Geo­me­trie wie die Fas­sa­den, kein Tisch, kein Stuhl, kei­ne Lam­pe wider­setzt sich dem Dik­tum des rech­ten Win­kels.

 

Unwei­ger­lich ergreift den Betrach­ter ein Gefühl des Unheim­li­chen, die gan­ze Sze­ne­rie erscheint gleich­zei­tig ver­traut und unver­traut, strahlt eine uner­gründ­li­che Fremd­heit aus. Edward Hop­pers Gemäl­de „Night­hawks“ als tableau vivant.

Obwohl stein­ge­wor­de­nes Phan­tas­ma ist die­ser Ort ein wirk­li­cher Ort, ein wirk­sa­mer Ort, der in das Gefü­ge der Gesell­schaft hin­ein­ge­zeich­net ist, eine rea­li­sier­te Uto­pie, Tri­umph der Funk­ti­on, der gleich­zei­tig den­noch aus­ser­halb aller Orte ist.

 

Die­ser Bei­trag ent­stand im Rah­men eines Text-Kur­ses am MAZ

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